{"id":241372,"date":"2022-03-10T16:49:19","date_gmt":"2022-03-10T16:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/dead-bodies-had-been-lying-in-the-streets-for-three-days-because-no-one-could-pick-them-up-stephan-23-nova-kakhovka\/"},"modified":"2022-03-18T17:02:34","modified_gmt":"2022-03-18T17:02:34","slug":"dead-bodies-had-been-lying-in-the-streets-for-three-days-because-no-one-could-pick-them-up-stephan-23-nova-kakhovka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/dead-bodies-had-been-lying-in-the-streets-for-three-days-because-no-one-could-pick-them-up-stephan-23-nova-kakhovka\/","title":{"rendered":"&#8222;Drei Tage lang sind Leichen auf den Stra\u00dfen gelegen, weil niemand da war, um sie abzuholen&#8220;, Stefan, 23, Nowa Kachowka"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by T<span style=\"font-weight: 400;\">anya Guschina<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Russische Technik hat sich ohne Unterlass fortbewegt, es gab Kolonnen von Panzern, Salvenfeuer-Systemen. <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Am ersten Tag, um 11 Uhr haben wir die Nachricht gesehen, dass fast alle St\u00e4dte bombardiert werden, sogar Lwiw wurde betroffen. Es war furchtbar&#8220;, erinnert sich Stefan. Er ist 23 Jahre alt und studiert Stadtplanung an der Universit\u00e4t Breslau in Polen. Anfang Februar kam er in seine Heimatstadt Nowa Kachowka, um dort seine Ferien zu verbringen. Und am 24. Februar kam der Krieg in die Stadt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Das kleine Nowa Kachowka in der S\u00fcdukraine wurde als eine der ersten St\u00e4dte erobert, weil sich dort ein Wasserkraftwerk befindet, von dem aus Russland die Wasserversorgung f\u00fcr die Krim wiederherstellen wollte. Bereits am Mittag des ersten Kriegstages h\u00e4ngten die Besatzer eine russische Fahne in Nowa Kachowka auf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Meine Mutter hat mir in die Augen geschaut und gesagt: &#8218;Denk nicht einmal daran, nach drau\u00dfen zu gehen.&#8216; Da sie meine \u00dcberzeugungen kannte, dachte sie, dass ich die Besatzer &#8222;l\u00f6schen&#8220; w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich habe ich versprochen, nicht hinauszugehen. Dann wurde ich zu einem Partisan. &#8222;<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-241358 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/photo_2022-03-09_14-04-29-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Jetzt koordiniert Stefan einen Freiwilligenstab, den er zusammen mit drei gleichaltrigen Freunden am zweiten Kriegstag gr\u00fcndete. In dem Stab engagieren sich etwa 100 Freiwillige. Unter ihnen befinden sich \u00c4rzte, Apotheker und Psychologen. Auch Priester helfen mit &#8211; sie bekamen von den Russen spezielle Zulassungen, mit denen sie sich durch die Stadt bewegen k\u00f6nnen. Einige Abgeordnete versuchten auch, sich anzuschlie\u00dfen &#8211; der Krieg sei Krieg, doch das Alltagsleben solle weitergef\u00fchrt werden, sagt Stefan. Die Anfragen sind unterschiedlich: Lebensmittel, Medikamente, jemand muss zur Entbindung gebracht werden, jemand muss in eine Nachbarstadt fahren, um eine Bluttransfusion zu bekommen. Menschen aus der ganzen Welt bitten um Hilfe. Jemand bittet darum, eine bettl\u00e4gerige Gro\u00dfmutter zu besuchen, die von ihren Pflegern im Stich gelassen wurde, und jemand bittet darum, die Mutter zu finden, die nicht erreichbar ist.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In den 10 Kriegstagen haben die jungen M\u00e4nner etwa 13,5 Tausend Dollar gesammelt, mehr als tausend gab der Stab t\u00e4glich aus. Doch jetzt kann man nirgendwo das N\u00f6tigste zu kaufen &#8211; die Apotheken sind leer, es mangelt an Blutdrucksenkern und fiebersenkenden Mitteln, in den Gesch\u00e4ften gibt es nur noch S\u00fc\u00dfigkeiten. Humanit\u00e4re Hilfe erreicht die Stadt nicht &#8211; das russische Milit\u00e4r l\u00e4sst keine Fahrzeuge ohne Genehmigung zu, und eine Genehmigung kann nur in der Stadt eingeholt werden. Ein geschlossener Kreislauf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es gibt keine M\u00f6glichkeit, in ein Krankenhaus zu gehen &#8211; dort halten die Russen ihre Verwundeten fest. Stefan erz\u00e4hlt, dass Leichen drei Tage lang auf den Stra\u00dfen lagen, weil niemand sie abholen konnte. Die Besatzer lie\u00dfen nicht zu, dass Menschen auf dem Friedhof beerdigt werden, weil ihre milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung in der N\u00e4he lag &#8211; sie hatten Angst, dass sie fotografiert und an die ukrainische Armee \u00fcbergeben w\u00fcrde. Eines Tages erwischten die Russen zwei Freiwillige und fragten sie, wo sich die Depots der Freiwilligen bef\u00e4nden, denn auch ihnen fehlten Lebensmittel und Medikamente. Der Mobilfunk und das Internet sind in der Stadt lahmgelegt. Bei unserem Gespr\u00e4ch sind im Hintergrund Explosionsger\u00e4usche zu h\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Habt ihr das geh\u00f6rt?! Irgendetwas ist explodiert\u201d, sagt Stefan. &#8222;Mist, es kracht schon wieder.&#8220;<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Er f\u00fcgt hinzu, dass er immer w\u00fctender wurde, begann die Leute zu hassen, die das arrangiert hatten, obwohl er gutm\u00fctig ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Es ist nicht einfach, wenn das Herz meiner Mutter anf\u00e4ngt zu schmerzen, der Blutdruck steigt, und es gibt kaum Medikamente. Sie hat Angst, auch wenn ich ins n\u00e4chste Haus gehe. Ich wei\u00df nicht, ob ich Angst habe. Vielleicht bin ich es, wenn ich nach Breslau zur\u00fcckkehre und st\u00e4ndig zum Psychologen gehe. Aber jetzt denke ich nur dar\u00fcber nach, wie ich durchhalte und gewinne, wie ich so viele Menschen wie m\u00f6glich retten kann. Denn in der Tat wird das niemand au\u00dfer uns selbst tun. Und das sind keine lauten Worte. Die Jungs und ich wissen, dass das, was wir jetzt tun, in die Geschichte eingehen wird. &#8222;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Neulich gingen die Einwohner von Nowa Nachkowka zu einer pro-ukrainischen Demo. Stefan sagt, Nowa Kakhovka sei noch nie so einig gewesen.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Es herrscht ein gewisser Optimismus, ein Glaube an die Ukraine, an die Armee. Meine Einstellung zu meinem Land hat sich sehr ver\u00e4ndert. Ich habe an unser Volk geglaubt, und jetzt glaube ich noch mehr an es. Ich bin begeistert und stolz darauf, dass sich die Menschen ohne Hilfe selbst organisieren und zu Demos gehen. In jedem ist eine gro\u00dfe Kraft namens Ukrainer entstanden. &#8222;<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wenn der Krieg vorbei ist, tr\u00e4umt Stefan davon, sein Studium zu absolvieren und nach Nowa Kachowka zur\u00fcckzukehren, um sich in der Stadtplanung, bei \u00f6ffentlichen Initiativen und Investitionen zu engagieren, die Denkm\u00e4ler der Stadt, die sogenannten \u201cSteinstickereien\u201d, weiter zu restaurieren und zu f\u00f6rdern und den Tourismus zu entwickeln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Ich w\u00fcnsche mir Ruhe und ein Buch \u00fcber alles zu schreiben, was ich erlebt habe, \u00fcber die Besatzung der Stadt. Etwas \u00c4hnliches kann ich niemandem w\u00fcnschen. Ich will Frieden und eine freie Ukraine, die sich ohne solch einen dummen Nachbarn entwickeln wird. &#8222;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Illustrated by Tanya Guschina &#8222;Russische Technik hat sich ohne Unterlass fortbewegt, es gab Kolonnen von Panzern, Salvenfeuer-Systemen. Am ersten Tag, um 11 Uhr haben wir die Nachricht gesehen, dass fast alle St\u00e4dte bombardiert werden, sogar Lwiw wurde betroffen. Es war furchtbar&#8220;, erinnert sich Stefan. 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