{"id":242823,"date":"2022-03-17T08:14:31","date_gmt":"2022-03-17T08:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=242823"},"modified":"2022-03-25T08:34:43","modified_gmt":"2022-03-25T08:34:43","slug":"anastasija-mychajlowska","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/anastasija-mychajlowska\/","title":{"rendered":"\u201cMeine kleine Tochter l\u00e4chelt, greift mit ihren H\u00e4ndchen meine Hand, und ich habe ein Bild vor Augen: Sie lebt nicht mehr, sie wurde im Schlaf im Keller unter Tr\u00fcmmern begraben\u201d, Anastasija Mychajlowska, 31 Jahre alt, Kyjiw"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/tanya.guschina.1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tanya Guschyna<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cIch kann nicht Bescheid sagen, wann genau die russischen Soldaten zu unserem Keller gekommen sind &#8211; vielleicht am 6. M\u00e4rz oder am 7.\u00a0 Ich bin ein wenig verwirrt, wenn es um Daten geht. Wir haben 14 Tage unter der Erde verbracht. Am Tag zuvor war eine schreckliche Nacht, es wurde sehr stark geschossen. Wahrscheinlich haben die Russen damals um Butscha gek\u00e4mpft. Und am n\u00e4chsten Tag h\u00f6rten wir das Dr\u00f6hnen der Kriegstechnik. Die M\u00e4nner haben \u00fcber den Zaun des Hauses geschaut, in dem wir uns versteckt haben. Wir wohnten auf einer Stra\u00dfe, die an das Feld grenzt. Und dieses Feld war voll von russischen Panzern und Transportpanzern &#8211; ca. 30. Und dann sind die russischen\u00a0 Milit\u00e4rs zu uns gekommen. Sie haben gesagt, sie seien jetzt auf einer S\u00e4uberung und suchten nach Nationalisten\u201c, erz\u00e4hlt Nastja Mychajlowska, eine 31-j\u00e4hrige Haus\u00e4rztin aus Kyjiw.<\/p>\n<p>Zusammen mit ihrem Mann und ihrer acht Monate alten Tochter Soja verlie\u00dfen sie Kyjiw am ersten Tag des ausgebrochenen Krieges, als die ersten Bomben auf Kyjiw fielen. Sie fuhren nach Butscha in der Region Kyjiw &#8211; zu Verwandten, die ein Landhaus besitzen. Dort schien es sicherer zu sein. Von dort wollten sie weiter nach Westen fahren.<\/p>\n<p>Als sie sich Butscha n\u00e4herten, war die Schlacht in Hostomel bereits im Gange. Ein Jagdflieger flog \u00fcber ihr Auto hinweg und Fallschirmj\u00e4ger landeten. In der ersten Nacht in Butscha mussten sie im Keller \u00fcbernachten, da es schon ziemlich hei\u00df war. Aber da waren sich Nastja und ihr Mann noch nicht dessen bewusst, dass sie in eine Falle gerieten.<\/p>\n<p>\u201cIch war schockiert. Ich bin mit meinem Kind auf dem Scho\u00df gesessen und konnte nicht glauben, dass das alles wirklich geschieht. Ich habe versucht, gegen das Gef\u00fchl der Fatalit\u00e4t zu k\u00e4mpfen. Aber der Gedanke, dass dies das Ende w\u00e4re, war immer eindringlicher. Tags\u00fcber habe ich auf den Abend gewartet, um einzuschlafen und \u00fcber nichts nachzudenken. \u00dcberraschenderweise konnte ich nachts schlafen. Trotz der Explosionen. Ich kann nicht sagen, dass ich irgendwelche Hoffnung hatte. Mit der Zeit wurde die Situation nur schlimmer\u201c, erz\u00e4hlt Nastja.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-242799\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/275548391_504878794410501_4102476756367005787_n-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/275548391_504878794410501_4102476756367005787_n-225x300.jpg 500w, https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/275548391_504878794410501_4102476756367005787_n-480x640.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 500px, 100vw\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sechzehn Personen waren insgesamt in diesem Keller: Nastjas Cousin, Cousine und ihre Familien, ihre Tante und drei Nachbarn, die keinen Keller im Haus hatten. F\u00fcnf M\u00e4dchen, von denen das j\u00fcngste sechs Monate jung und das \u00e4lteste acht Jahre jung waren, und sechs Frauen, von denen eine im neunten Monat schwanger war.<\/p>\n<p>Der Beschuss h\u00f6rte nicht auf. Am zweiten oder dritten Tag fingen die Russen an, die Funkverbindung lahmzulegen. Die Unsicherheit war bedr\u00fcckend. Tag f\u00fcr Tag verging mit dem st\u00e4ndigen Gedanken, dass man dringend fliehen muss. Die Frage war nur, wie man es mit kleinen Kindern und der schwangeren Frau machen soll. Zumal die Leute in einem Auto einfach erschossen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u201eWir haben nicht weit vom Zentrum gewohnt, aber in einer solchen Ecke, dass uns die Geschosse nicht erreicht haben &#8211; bis zu einem gewissen Augenblick. Eines Tages sind die Nachbarn in ihr Haus gegangen, um Brei zu kochen, weil es im Haus einen Schornstein gag. Sie sind in den Keller zur\u00fcckgekehrt und 20 Minuten sp\u00e4ter hat eine Granate ihr Haus getroffen. Sie hat Fenster zerschlagen und Autos vernichtet. Die Nachbarn wurden obdachlos. Ich erz\u00e4hle das, habe aber das Gef\u00fchl, dass dies keine Geschichte \u00fcber mich ist, sondern \u00fcber jemand anderen. Es war ein schrecklicher Horror. Ich habe versucht, die schlechten Gedanken zu vertreiben, mich mit dem Haushalt zu besch\u00e4ftigen. Unsere Situation war nicht die schlechteste: Wir hatten einen gewissen Vorrat an Lebensmitteln, und unsere Nachbarn, die rechtzeitig den Ort verlassen haben, haben uns Schl\u00fcssel f\u00fcr ihre H\u00e4user gelassen und haben uns gesagt, wir sollten alles nehmen, was wir brauchten. Wir haben Essen und warme Sachen genommen, haben auf dem Grill gekocht und das Essen f\u00fcr Kinder mit einem Gasbrenner zubereitet. Wir hatten Gl\u00fcck mit Wasser, denn es gab einen Brunnen in der N\u00e4he. Trinkwasser haben wir f\u00fcr Kinder gespart. Sie sind klein und verstehen nicht, was passiert. Du gehst ihnen durch den ganzen Keller nach und das lenkt dich irgendwie ab. G\u00e4be es nicht meine Tochter, w\u00fcrde ich mich wahrscheinlich hinlegen und einfach liegen\u201c, sagt Nastja.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Nachbarn wurden obdachlos. Ich erz\u00e4hle das, habe aber das Gef\u00fchl, dass dies keine Geschichte \u00fcber mich ist, sondern \u00fcber jemand anderen. Es war ein schrecklicher Horror.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die j\u00fcngsten Kinder passten sich am schnellsten an. Den \u00e4lteren M\u00e4dchen im Alter von 2 und 4 Jahren fiel es schwieriger. Sie durften nicht rennen, mussten leise sein, durften den Keller nicht verlassen. Sie waren gelangweilt. Tags\u00fcber hielt sich die Achtj\u00e4hrige gut. Sie freute sich, neue Leute kennengelernt zu haben, erz\u00e4hlte \u00fcber die Schule und ihre Freunde. Doch nachts wachte sie auf und weinte. Selbst wenn es keine Explosionen gab, h\u00f6rte sie sie und verstand nicht, was geschah. Sie fragte ihre Mutter immer wieder: \u201cWo sind wir?\u201d.<\/p>\n<p>\u201eWir sind in einem stockdunklen Keller gelegen: Du schlie\u00dft deine Augen \u2013 es ist dunkel, du \u00f6ffnest sie \u2013 es ist dunkel. Das hat mich ersch\u00fcttert. Mein Mann und ich waren nie gl\u00e4ubig, aber wir haben gebetet. Wir haben dort\u00a0 alle gebetet. Mein einziger Wunsch war, aus dem Keller rauszukommen und das Kind zu taufen. Jeden Morgen habe ich Gott gedankt, dass ich am Leben war, und ich war mir nicht sicher, ob ich den n\u00e4chsten Morgen geschenkt bekomme w\u00fcrde. Als die Russen gekommen sind und sich 500 Meter vom Haus entfernt hinter uns hingestellt haben, versp\u00fcrte ich Ekel. Weil du verstehst, dass sie sich eigentlich hinter dir verstecken. Sie haben gefeuert, aber das Feuer wurde nicht erwidert, unsere Streitkr\u00e4fte haben sie nicht abgefangen, weil unsere H\u00e4user in der N\u00e4he waren\u201d, sagt Nastja.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir haben dort\u00a0 alle gebetet. Mein einziger Wunsch war, aus dem Keller rauszukommen und das Kind zu taufen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Russische Soldaten, die in Butscha einmarschiert waren, aufgeteilt in Gruppen, durchsuchten in der Zwischenzeit die H\u00e4user. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie das Versteck von Nastja und ihrer Familie erreicht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Es gab diejenigen, die jemandem Geld und eine Uhr gestohlen haben. Die Autos von den Nachbarn hatten Reifensch\u00e4den. Wir hatten Gl\u00fcck, unsere drei Autos waren nicht besch\u00e4digt. Die Russen sagten uns, dass sie Bandera-Anh\u00e4nger suchen. Das erste, was sie getan haben, war, unsere Telefone wegzunehmen, SIM-Karten herauszunehmen und sie kaputt zu machen. Sie haben mit uns so gesprochen, als ob sie sich wirklich als Friedenstruppen betrachten w\u00fcrden: \u201cMacht euch keine Sorgen, Friede sei mit euch. Jetzt kommen wir, werden euch befreien, euren Pr\u00e4sidenten umbringen, eine normale Regierung einsetzen. Gebt uns zwei-drei Tage. Und alles wird gut sein.&#8220; Nat\u00fcrlich haben wir nicht mit ihnen gestritten, um sie nicht zu provozieren. Wir haben ihnen nur zugeh\u00f6rt und sie dachten, wir w\u00fcrden ihnen zustimmen. Wir haben ihre Fragen beantwortet und gesagt, dass viele Kinder und Frauen mit uns sind\u201d, erz\u00e4hlt Nastja.<\/p>\n<p>Diese eine Stunde von Verhandlungen war wohl die schrecklichste.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag h\u00fcllten sich die M\u00e4nner in wei\u00dfe Fahnen ein und gingen ins Zentrum von Butscha, um sich \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer Evakuierung zu informieren.<\/p>\n<p>\u201eSie haben den ersten russischen Kontrollpunkt erreicht, wo die Information bez\u00fcglich der Evakuierung best\u00e4tigt wurde. In einer Stunde haben wir uns gepackt, sind in unsere drei Autos eingestiegen und sind losgefahren. Den Evakuierungsbus hat man an diesem Tag nicht weiterfahren lassen. Aber die Autos durften fahren. Meine Tante wurde hysterisch. Sie hat an jedem Kontrollpunkt gefragt, ob wir nicht erschossen werden. An einem der Kontrollpunkte haben wir die Soldaten getroffen, die bei uns im Keller waren. Sie haben schon wieder ihr: \u201eFriede sei mit euch, haben Sie eine leichte Geburt. Kommen Sie zu uns zu Besuch \u201c wiederholt&#8230; Wir sind fortgefahren und haben auf dem Weg zwischen den H\u00e4usern Transportpanzer gesehen, die von dort aus wie Kakerlaken hinausgeschaut haben. Und wir dachten uns: Werden sie schie\u00dfen oder nicht? Und der n\u00e4chste Gedanke: Sei es, wie es sein mag. Sowieso ist es besser als im Keller\u201c, sagt Nastja.<\/p>\n<p>All die zwei Wochen weinte sie kein einziges Mal. Sie brach jedoch fast in Tr\u00e4nen aus, als sie auf dem Parkplatz, wo bereits das ukrainische Milit\u00e4r Autos kontrollierte, ein warmes Mittagessen bekamen und auf Ukrainisch angesprochen wurden .<\/p>\n<p>Jetzt versucht Nastja, sich nicht an ihr fr\u00fcheres friedliches Leben zu erinnern. Selbst das Ansehen von Fotos auf dem Handy schmerzt sie. Es war genauso schmerzhaft, die eigene Wohnung in Kyjiw zu betreten, begreifend, dass man etwas von den Sachen nehmen und weglaufen muss. Nastja ist derzeit mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Lwiw.<\/p>\n<p>\u201cIm Keller hatte ich einen Traum: Ich bin an einem sicheren Ort. Der Krieg geht weiter, aber ich h\u00f6re keine Explosionen. Ich gehe mit Soja spazieren, und mein Mann ist nach einigen Gesch\u00e4ften zur\u00fcckgekehrt. Wahrscheinlich war das ein prophetischer Traum. Soja wurde 9 Monate alt und wir sind nach unserer Tradition ins Zentrum von Lwiw gegangen, haben einen Kuchen gegessen und ein Spielzeug gekauft. Wir haben versucht, so zu tun, als w\u00e4re alles okay\u201c, sagt Nastja.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch nichts ist okay.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Illustrated by Tanya Guschyna &nbsp; \u201cIch kann nicht Bescheid sagen, wann genau die russischen Soldaten zu unserem Keller gekommen sind &#8211; vielleicht am 6. 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