{"id":243922,"date":"2022-03-15T19:22:23","date_gmt":"2022-03-15T19:22:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=243922"},"modified":"2022-04-03T14:44:27","modified_gmt":"2022-04-03T14:44:27","slug":"roman-sakrewskyj","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/roman-sakrewskyj\/","title":{"rendered":"\u201cJeder n\u00e4chste Laut kann eine Kugel oder eine Rakete sein, die dich trifft\u201d, Roman Sakrewskyj, 35, Tschernihiw"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400;\">Tschernihiw wird jeden Tag bombardiert. Teilweise gibt es kein warmes Wasser, keinen Strom. Es gibt v\u00f6llig zerst\u00f6rte Landhaussiedlungen. Es gibt Menschen, die im einfachen Keller des Privathauses bereits zwei Bombardierungen erlebt haben. Die Besatzer zerst\u00f6ren Schulen und Kinderg\u00e4rten, zielen auf historische Geb\u00e4ude. \u201cGestern heulten die Sirenen den ganzen Tag ununterbrochen und wir waren kaum drau\u00dfen. Wer geblieben ist, geht zur Arbeit, aber die Stadt ist jetzt halbleer. Man steht Schlange, um Brot und Medikamente zu kaufen\u201d, erz\u00e4hlt 35-j\u00e4hriger Roman Sakrewskyj, TV-Kameramann bei UA:Suspilne Tschernihiw.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Roman, seine Ehefrau Julia, die f\u00fcnfmonatige Tochter Wasylyna und der Hund Archie wohnen im Keller des Stadtkrankenhauses. Mit ihnen sind noch 50 Menschen und zwei Katzen dort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Roman wacht gegen sechs Uhr auf: Da endet die Sperrstunde und er geht neben dem Luftschutzbunker mit Archie Gassi. Wenn er irgendwelche Sachen braucht, geht er sie nach Hause holen. All die restliche Zeit verbringt er mit seiner Familie. <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cMeine Frau hat Angst, auf die Stra\u00dfe zu gehen. Wir kochen zusammen, r\u00e4umen auf. Ich bringe den M\u00fcll raus, f\u00fclle den Wasservorrat auf, richte Pl\u00e4tze f\u00fcr Neuangekommene ein.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Roman fotografiert oft andere Menschen, das Leben in Tschernihiw und nimmt Videos f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen Dokumentarfilm auf. \u201cRegelm\u00e4\u00dfig lassen mich Explosionen zusammenzucken, wenn ich drau\u00dfen eine Zigarettenpause mache. Denn es ist immer unerwartet. Ehrlich gesagt bem\u00fche ich mich darum, zu \u00fcberleben und nicht wegen der Gedanken und Umst\u00e4nden, mit denen die Kriegszeit erf\u00fcllt ist, verr\u00fcckt zu werden. Obwohl ich auch jederzeit verstehe \u2014 jemand hat es gerade viel schlimmer, als ich.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Roman sagt, dass seine Familie mehrere M\u00f6glichkeiten gehabt habe, zu fl\u00fcchten, aber sie seien geblieben. \u201cEinmal ist es uns nicht gelungen, innerhalb von 15 Minuten begleitet vom Gesch\u00fctzdonner das Leben von uns vier einzupacken und uns nach Kyjiw zu begeben. Wir haben die Verzweiflung \u00fcberstanden, miteinander gesprochen. Wir haben beschlossen, in Tschernihiw zu bleiben. Ein anderes Mal haben wir den Vorschlag eines Freundes abgelehnt, und dann: fehlender gr\u00fcner Korridor, Geschichten aus den sozialen Netzwerken dar\u00fcber, wie Zivilisten erschossen werden, K\u00e4mpfe, Panik unter den Einwohnern. Und es gibt etwas, was mich hier h\u00e4lt. Ich will nicht wegfahren. Ich will das alles hier, auf heimischem Boden erleben und nicht irgendwo in den Karpaten von dem Sieg erfahren. Dennoch werde ich bei der ersten Gelegenheit meine M\u00e4dels in einen ruhigen Ort schicken und selbst hier bleiben.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Roman sagt, dass jeder n\u00e4chste Laut eine Kugel oder eine Rakete sein k\u00f6nne, die dich trifft. <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cEs ist erschreckend, dass eine Bombe dein Haus oder das deiner Eltern, Verwandten, Freunde trifft. Es ist erschreckend zu h\u00f6ren, dass einer deiner Freunde get\u00f6tet wurde. Es ist erschreckend, Blut zu sehen. Es ist erschreckend, die Folgen des Kriegs aufzunehmen. Es ist erschreckend, die Stadt zu verlassen. Es ist erschreckend, einfach die Stra\u00dfe entlang zu gehen. Es ist erschreckend, etwas zu machen, was heute dem Feind zu siegen oder jemandes Leben zu nehmen hilft. Der Gedanke, dass es nie endet, ist erschreckend. Es ist so erschreckend, dass man all diese \u00c4ngste nicht mehr bemerkt.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Tochter, die Frau, allt\u00e4gliche Routine und die Kamera sowie der Glaube an den Sieg \u2014 das alles hilft Roman, diese Erfahrung zu \u00fcberstehen. Er tr\u00e4umt davon, zu \u00fcberleben, und jeden Tag wird der Sieg n\u00e4her. \u201cIch habe mit meiner Frau \u00fcber den Traum gesprochen: Wenn wir unseren Luftschutzbunker verlassen, dann kommen wir nach Hause, trinken eine Flasche Sekt, die sie versteckt hat, aus, ziehen die sch\u00f6nste Kleidung an und gehen zu viert in der Stadt spazieren \u2014 gucken, wie sie geworden ist, Freunde treffen, sie umarmen, wir essen irgendwo etwas Leckeres zu Mittag, dann steigen wir in den Zug ein und fahren f\u00fcr einen Monat zu unseren Freunden in die Karpaten.\u201d<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tschernihiw wird jeden Tag bombardiert. Teilweise gibt es kein warmes Wasser, keinen Strom. Es gibt v\u00f6llig zerst\u00f6rte Landhaussiedlungen. Es gibt Menschen, die im einfachen Keller des Privathauses bereits zwei Bombardierungen erlebt haben. Die Besatzer zerst\u00f6ren Schulen und Kinderg\u00e4rten, zielen auf historische Geb\u00e4ude. \u201cGestern heulten die Sirenen den ganzen Tag ununterbrochen und wir waren kaum drau\u00dfen. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":242631,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[470],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/243922"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=243922"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/243922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":243923,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/243922\/revisions\/243923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/242631"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=243922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=243922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=243922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}