{"id":245057,"date":"2022-03-21T11:35:27","date_gmt":"2022-03-21T11:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245057"},"modified":"2022-04-16T19:57:47","modified_gmt":"2022-04-16T19:57:47","slug":"in-mariupol-wunderst-du-dich-nicht-mehr-wenn-deine-nachbarn-oder-freunde-sterben-du-senkst-den-blick-nicht-mehr-wenn-du-leichen-siehst-alewtyna-schewzowa-32-mariupol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/in-mariupol-wunderst-du-dich-nicht-mehr-wenn-deine-nachbarn-oder-freunde-sterben-du-senkst-den-blick-nicht-mehr-wenn-du-leichen-siehst-alewtyna-schewzowa-32-mariupol\/","title":{"rendered":"\u201cIn Mariupol wunderst du dich nicht mehr, wenn deine Nachbarn oder Freunde sterben, du senkst den Blick nicht mehr, wenn du Leichen siehst\u201d, Alewtyna Schewzowa, 32, Mariupol"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400;\">Alewtyna ist raus aus der H\u00f6lle &#8211; aus Mariupol. Sie wurde in dieser Stadt geboren und wuchs dort auch auf, arbeitete als Moderatorin einer Morgenshow und weckte die Stadt mit den Worten \u201cGuten Morgen, Mariupol!\u201d auf. Sp\u00e4ter gr\u00fcndete sie ihr eigenes TV-Projekt \u201cOrt der Macht\u201d, denn sie betrachtete die Stadt nicht blo\u00df als ihr Zuhause, sie war ihr Zentrum der Macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Alewtyna und ihre Familie verbrachten 21 Tage im belagerten Mariupol. Am 16. M\u00e4rz wurde sie aus Mariupol evakuiert und jetzt tr\u00e4umt sie von ihrer Stadt: mit Blumen geschm\u00fcckte Stra\u00dfen, wo ihre Freunde spazieren. Die Wirklichkeit ist aber, dass einige ihrer Freunde und Nachbarn get\u00f6tet wurden und ihre Leichen auf den zerbombten Stra\u00dfen liegen bleiben, mehr als 80% der Geb\u00e4ude sind zerst\u00f6rt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Am ersten Kriegstag war Alewtyna mit ihrer Familie am Stadtrand von Mariupol: Sie feierten mit den Eltern den Geburtstag ihres 12-j\u00e4hrigen Bruders. Dort blieben sie bis zum 8. M\u00e4rz, bis die Situation kritisch wurde. Als schon ganz in der N\u00e4he die H\u00e4user bombardiert wurden,\u00a0 entschied sich die Familie, in ihre Wohnung im Stadtzentrum zu gelangen. Sie liefen 7 Kilometer weit, st\u00e4ndig unter Beschuss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cAls wir angekommen sind, wurde unser Wohnbezirk beschossen. Vor dem Nebenhaus haben wir eine Leiche gesehen. Daneben war eine verletzte junge Frau, die uns darum gebeten hat, jemandem mitzuteilen, dass sie dort ist. Sie wollte, dass jemand sie im Auto wegbringt. Wir hatten jedoch kein Auto. Wir sind zu sechst mit zwei Kindern einfach zu Fu\u00df gegangen\u201d, erinnert sich Alewtyna.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als es die Familie ins Zentrum schaffte, f\u00fchlten sie sich f\u00fcr eine kurze Zeit in Sicherheit. Der OSBB-Vorsitzende [OSBB &#8211; Vereinigung der Mit-Eigent\u00fcmer eines Mehrfamilienhauses, A. d. \u00dc.] hatte eine Feldk\u00fcche im Freien eingerichtet. Die Nachbarn trafen sich und kochten zusammen \u00fcber offenem Feuer, halfen einander. Es gab schon mehrere Tage keinen Strom, kein Wasser, keine Nahrungsmittel, keine Verbindung. Der Schutz-Keller des Hauses war \u00fcbervoll, daher wurde f\u00fcr Alewtynas Familie der Keller unter einem Laden in der N\u00e4he aufgesperrt: Dort wohnten sie in einem engen unterirdischen Raum zu neunt &#8211; mit Kindern, Eltern und der alten Oma.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Jeden Tag ging Alewtyna zum \u00f6rtlichen Theater. Da trafen sich die Leute und besprachen, wie man aus der Stadt ohne eigenes Auto raus k\u00f6nne, warteten auf die Evakuierung mit Bussen und auf so genannte \u201cgr\u00fcne Korridore\u201d. Es gab jedoch keine guten Nachrichten. Der 16. M\u00e4rz wurde zum Zeitpunkt, an dem es kein Zur\u00fcck mehr gab.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243431\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/photo_2022-03-20_14-46-20-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">An diesem Tag trafen sich die Nachbarn neben dem Haus, um Essen zu kochen. Da es keinen Strom gab, kochte man so: \u201dMan hat Feuer neben dem Haus gemacht. Alle haben mitgebracht, was sie hatten. Die Suppe war so: viel Wasser, drei Kartoffeln und eine Handvoll Weizengr\u00fctze.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Alewtyna und ihre Verwandten gingen nach oben in ihre Wohnung, um Teller zu holen, und gerade in diesem Moment sp\u00fcrten sie eine Explosion. Die Decke \u00fcber ihren K\u00f6pfen begann einzust\u00fcrzen.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201dIch bin mit meinem Mann nach drau\u00dfen gegangen und wir haben gesehen, dass gerade in unseren Hausflur, gerade an der Stelle, wo die Leute das Feuer gemacht haben, eine Fliegerbombe eingeschlagen ist. Ein 4-Meter tiefer Krater ist nun dort entstanden, wo vorher der Hausflur war. Alles ist zu einer einzigen Schlammmasse geworden, K\u00f6rperteile waren unter den Tr\u00fcmmern zu erkennen. Man begann die Menschen auszugraben und herauszuziehen. Als erstes hat man zwei Leichen herausgezogen: die Nachbarn Halja und Wanja. Sie wurden mit Decken zugedeckt und vor den Hausflur gelegt.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243417\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/photo_2022-03-21_12-46-40-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es gab keine M\u00f6glichkeit, die weiteren Leichen auszugraben: Es wurde immer st\u00e4rker geschossen. Die Familie beschloss daraufhin, die Stadt auf eigenes Risiko zu verlassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cDie H\u00e4user wurden stark zerst\u00f6rt. Es lag nahe, dass der n\u00e4chste Anschlag den Keller, in dem wir uns versteckten, in ein Massengrab verwandeln w\u00fcrde\u201d, so Alewtyna.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die Eltern war es schwierig zu laufen, darum sind sie mit dem Bruder im Keller geblieben, und andere Familienmitglieder machten sich auf den Weg bis zum n\u00e4chsten Dorf &#8211;\u00a0 zu Fu\u00df ,unter Beschuss. So gingen sie fast einen ganzen Tag, bis sie zu ihren Bekannten in ein Dorf in der N\u00e4he kamen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Alewtyna weinte die ganze Zeit. Es war ihr klar, dass sie ihre Eltern wahrscheinlich nicht mehr lebend wiedersehen w\u00fcrde, wenn sie jetzt nicht zur\u00fcckkehrte. Sie \u00fcberredete ihren Bekannten, mit dem Auto ins Stadtzentrum zu fahren, um die Verwandten zu holen. In dieser Zeit ist die Situation noch grausamer geworden &#8211; die Stra\u00dfe neben dem Haus wurde zerst\u00f6rt und das Haus besch\u00e4digt.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243445\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/photo_2022-03-21_12-46-30-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als sie zum Nachbarhof kamen, lief Alewtyna\u00a0 zum Keller, in dem sich ihre Familie versteckte. Die Verwandten waren am Leben, aber sehr ver\u00e4ngstigt. Der Bruder a\u00df die letzte Handvoll trockener Haferflocken. W\u00e4hrend sie zusammen ins Auto einstiegen, explodierte ein Geschoss 30 Meter von ihnen entfernt. Die Heckscheibe des Fahrzeugs zerbarst durch die Druckwelle.Sie wurden fast taub, trotzdem schafften sie es weiterzufahren und die Stadt zu verlassen. Die Geschosse explodierten die ganze Zeit in ihrer N\u00e4he. Man half der Familie, aus dem Dorf nach Saporischschja und danach mit dem Evakuierungszug zu entkommen. Durch die russischen Stra\u00dfensperren f\u00fchrte Alewtyna unter Beschuss die ukrainische Flagge mit. Sie glaubt fest daran, irgendwann in ihre Lieblingsstadt\u00a0 zur\u00fcckzukehren und beim Wiederaufbau zu helfen.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cIch will in die ganze Welt dar\u00fcber schreien, was in Mariupol passiert. Ich verstehe, dass die Leute, die nicht da waren, es sich einfach nicht vorstellen k\u00f6nnen, was f\u00fcr eine H\u00f6lle da ist. So etwas darf im 21. Jahrhundert einfach nicht passieren. <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Das erschreckendste ist, dort vor Ort hat man keine Angst vor dem Tod mehr. Du wunderst\u00a0 dich nicht mehr, wenn deine Nachbarn oder Freunde sterben, du senkst den Blick nicht, wenn du Leichen siehst.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich will schreien: \u201dRettet mein Mariupol. Rettet meine Seele. Rettet tausende Leben\u201d. Auch wenn ich allen, die unserer Familie geholfen haben, allen, die uns Unterkunft und Unterst\u00fctzung gegeben haben, dankbar bin, bin ich mir nicht sicher, ob jemand meinen Klageruf h\u00f6rt und versteht.\u201d<\/span><\/p>\n<p><b><i>Eintragsdatum: 21. M\u00e4rz 2022<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Oxana Primak<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alewtyna ist raus aus der H\u00f6lle &#8211; aus Mariupol. Sie wurde in dieser Stadt geboren und wuchs dort auch auf, arbeitete als Moderatorin einer Morgenshow und weckte die Stadt mit den Worten \u201cGuten Morgen, Mariupol!\u201d auf. 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