{"id":245067,"date":"2022-03-17T12:20:01","date_gmt":"2022-03-17T12:20:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245067"},"modified":"2022-04-16T20:18:44","modified_gmt":"2022-04-16T20:18:44","slug":"mein-zuhause-mariupol-sieht-jetzt-wie-eine-feurige-hoelle-aus-durchdrungen-von-angst-und-hoffnungslosigkeit-chrystyna-dscholos-30-mariupolmein-zuhau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/mein-zuhause-mariupol-sieht-jetzt-wie-eine-feurige-hoelle-aus-durchdrungen-von-angst-und-hoffnungslosigkeit-chrystyna-dscholos-30-mariupolmein-zuhau\/","title":{"rendered":"\u201eMein Zuhause \u2014 Mariupol \u2014 sieht jetzt wie eine feurige H\u00f6lle aus , durchdrungen von Angst und Hoffnungslosigkeit\u201c, Chrystyna Dscholos, 30, Mariupol\u201eMein Zuhause \u2014 Mariupol \u2014 sieht jetzt wie eine feurige H\u00f6lle aus , durchdrungen von Angst und Hoffnungslosigkeit\u201c, Chrystyna Dscholos, 30, Mariupol"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by \u0414\u0430\u0440&#8217;\u044f \u0411\u043e\u0440\u043e\u0434\u0435\u043d\u043a\u043e<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eEine Frau ist laufend zu unserem Schutzkeller gekommen und hat um Hilfe gebeten \u2013 ihr Mann war auf etwas getreten und hatte beide Beine verloren. Switlana, eine Frau aus unserem Keller, hat dabei geholfen, den Mann ins Auto zu setzen und das Paar ins Krankenhaus zu bringen. Dann ist sie zur\u00fcckgekehrt, hat das Auto beim Hauseingang geparkt und ist zur\u00fcck in den Keller gekommen. All dies unter st\u00e4ndigem Beschuss, w\u00e4hrend jede Sekunde das eigene Leben riskiert wurde.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Chrystyna Dscholos geh\u00f6rte zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn zu den ersten, die aus Mariupol entkommen konnten. Die Familie sa\u00df 16 Tage fast ununterbrochen im Schutzraum. Jeder Gang nach drau\u00dfen h\u00e4tte das Leben kosten k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243480\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/1648048248429-233x300.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eAm 15. M\u00e4rz ist es meiner Familie und mir gelungen, Mariupol zu verlassen. Es gab keinen gr\u00fcnen Korridor, keine organisierte Evakuierung. Wir haben es auf eigene Gefahr gemacht. Zu Beginn des Krieges wurde am Stadtrand aktiv geschossen, im Stadtzentrum war es auch f\u00fcrchterlich, aber wir konnten trotzdem irgendwie leben. Damals sind nur wenige Leute weggefahren, die \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden haben \u00fcber so etwas nicht informiert.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es gab kaum Schutzr\u00e4ume in der Stadt: Meistens waren es einfache Keller von Geb\u00e4uden. An Kellern mit Bel\u00fcftung fehlte es katastrophal.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eWir haben uns im Gymnasium versteckt, auf welches mein Sohn ging, im dortigen Untergeschoss, das kalt und feucht war. Zuerst haben wir nur dort \u00fcbernachtet und direkt auf dem Boden geschlafen. Am Nachmittag sind wir unter Beschuss nach Hause zur\u00fcckgekehrt, wo es noch Strom und Gas gab, so dass man etwas kochen konnte. Die Leute aus den Randbezirken sind auch ins Stadtzentrum gezogen. Ich habe Suppe f\u00fcr sie gekocht und habe versucht, denjenigen, die nichts mehr hatten, wenigstens ein bisschen zu helfen. Die \u00dcberlebensfrage war aber noch nicht da, alle haben schnell und tatkr\u00e4ftig unserem Milit\u00e4r und einander geholfen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Familie geriet unter Beschuss, als sie eines Tages wieder nach Hause zur\u00fcckkehrte. \u201eDie Fenster in unserem Haus waren zerbrochen, im Hof \u200b\u200bwar eine Rakete explodiert. Als ich den Hauseingang erreicht habe, habe ich geh\u00f6rt, dass eine weitere Rakete angeflogen kam. Ich habe meinen Sohn auf den Boden geworfen, direkt auf die Glasscherben, habe ihn mit meinem K\u00f6rper bedeckt. Wir sind unversehrt geblieben, gingen aber nicht mehr nach Hause. Seit diesem Tag gab es auch keinen Strom mehr.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Chrystyna versuchte, Handyempfang zu bekommen und ging deshalb einmal etwas weiter in die Stadt. Die Nachbarn im Keller verteilten Zettel mit Telefonnummern und baten darum, Nachrichten an Verwandte weiterzugeben. \u201eIn der N\u00e4he des Ladens \u201e1000 dribnyts\u201c (dt. \u201e1000 Kleinigkeiten\u201c) \u2014 diesen Laden kennen alle in Mariupol \u2014 sind viele Menschen und Autos gestanden. Pl\u00f6tzlich hat ein st\u00e4rkerer Beschuss begonnen: Viele Granaten haben die Menschenmenge getroffen. Das war das erste Mal, dass ich eine Leiche auf der Stra\u00dfe liegen sah.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In den H\u00f6fen wurde Lagerfeuer entfacht, um Suppe zu kochen oder Wasser zu erhitzen. Von Zeit zu Zeit flogen Granaten. Bei einem solchen Angriff wurde einem Mann ein Bein abgerissen. Er lag da, blutend, niemand konnte ihn wegbringen. Eine weitere Granate zerst\u00f6rte einen Teil der Fenster im Schutzraum, in dem sich Chrystynas Familie befand. Eine Frau wurde am Oberschenkel verletzt, sie lag die ganze Nacht im Erdgeschoss und flehte um Gift, um die h\u00f6llischen Schmerzen nicht zu sp\u00fcren.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eDie Leute haben Massengr\u00e4ber ausgegraben, um die Leichen zu beerdigen. Diejenigen, die eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben sind, sollten auf die Balkone gebracht werden \u2014 so war die Empfehlung. Niemand konnte die Leichen weg bringen. Wenn ein Kind krank war, wusste niemand, was mit dem Kind passieren wird. Alle waren krank, weil es sehr kalt war, auf dem Boden zu schlafen. In unserem Schutzraum hatte ein einj\u00e4hriges M\u00e4dchen sehr hohes Fieber, 40 Grad. Alle haben nach wenigstens einem Medikament f\u00fcr sie gesucht, und sie konnten keine Antibiotika finden.\u201c <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ob das M\u00e4dchen \u00fcberlebt hat, ist nicht bekannt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Familie beschloss zu fliehen. Unter Beschuss erreichten sie ihre Wohnung, schnappten sich ihre Katze und einen Koffer, der in der Hoffnung auf einen gr\u00fcnen Korridor eingepackt worden war. Sie beluden ihr Auto und klebten die Aufschrift \u201eKinder&#8220; auf das Auto. \u201eDu wei\u00dft nicht, ob du ankommst oder nicht. Menschen in der N\u00e4he haben geschrien. Chaos und Panik \u00fcberall, es war schwer zu beschreiben und zu verstehen, was los war.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Autos bildeten eine Kolonne, um sich zusammenzuhalten. Hinter dem Fenster \u2014 kaputte Kabel, zerst\u00f6rte H\u00e4user, oben \u2014 feindliche Flugzeuge, st\u00e4ndiger Beschuss. An der Stadtausfahrt \u2014 Staus und russische Kontrollpunkte. Die Besatzer kontrollierten die Autos: \u201eMeinem Mann haben sie sogar die Finger kontrollieren lassen: Ich glaube, sie haben geschaut, ob er eine Waffe abgefeuert hatte. Es war unglaublich gruselig, aber wir haben die Explosionen nicht mehr geh\u00f6rt.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Sperrstunde traf die Familie mitten auf einem Feld in einer Grauzone: zwischen den Besatzern und den ukrainischen Truppen. Umgeben von mehreren anderen Autos blieben sie dort f\u00fcr die Nacht. Es war kalt, aber sie sparten Sprit und w\u00e4rmten sich mit Decken. Um 5:30 Uhr morgens machten sie sich auf den Weg, und fanden schlie\u00dflich einen ukrainischen Kontrollpunkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eTausende Menschen sind dort [in Mariupol] geblieben, ich wei\u00df nicht, wie man ihnen helfen soll. Meine Mutter und drei Br\u00fcder sind auch noch immer in Mariupol und verstecken sich vor dem Beschuss im Keller. Niemand kann dorthin gehen und sie abholen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Chrystyna tr\u00e4umt davon, die Stimmen ihrer Verwandten zu h\u00f6ren, und dass der Beschuss vorbei ist. \u201eWir werden uns nirgendwo mehr zu Hause f\u00fchlen k\u00f6nnen. All das Erlebte, geliebte Kleinigkeiten und Familie sind zu Hause geblieben. Mein Zuhause \u2014 Mariupol \u2014 sieht jetzt wie eine feurige H\u00f6lle aus, durchdrungen von Angst und Hoffnungslosigkeit. Ein Loch, das alles verbrannt hat, was uns wichtig war.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Aufgezeichnet am 17. M\u00e4rz 2022.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Kateryna Churikova<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illustrated by \u0414\u0430\u0440&#8217;\u044f \u0411\u043e\u0440\u043e\u0434\u0435\u043d\u043a\u043e \u201eEine Frau ist laufend zu unserem Schutzkeller gekommen und hat um Hilfe gebeten \u2013 ihr Mann war auf etwas getreten und hatte beide Beine verloren. Switlana, eine Frau aus unserem Keller, hat dabei geholfen, den Mann ins Auto zu setzen und das Paar ins Krankenhaus zu bringen. 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