{"id":245074,"date":"2022-03-18T20:58:20","date_gmt":"2022-03-18T20:58:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245074"},"modified":"2022-04-16T20:31:06","modified_gmt":"2022-04-16T20:31:06","slug":"man-hat-uns-gesagt-wir-sollten-nach-hause-gehen-aber-uns-wurde-klar-dass-es-kein-zuhause-mehr-gab-iwanna-hrabowljak-23-hostomel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/man-hat-uns-gesagt-wir-sollten-nach-hause-gehen-aber-uns-wurde-klar-dass-es-kein-zuhause-mehr-gab-iwanna-hrabowljak-23-hostomel\/","title":{"rendered":"&#8222;Man hat uns gesagt, wir sollten nach Hause gehen. Aber uns wurde klar, dass es kein Zuhause mehr gab&#8220;, Iwanna Hrabowljak, 23, Hostomel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by Tanya Guschina<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Wir sind durch die Stra\u00dfen gefahren, die sich in eine M\u00fcllhalde aus verbranntem Material verwandelt hatten. Als wir in die andere Richtung abgebogen sind, haben wir einen Panzer der Besatzer gesehen. Sie haben auf unser Auto geschossen und mein Vater hat heldenhaft sein Bestes getan, um uns zu retten. Als das Auto gegen etwas geprallt ist, habe ich geh\u00f6rt, wie mein Vater immer noch auf das Gaspedal getreten ist. Anscheinend war er zu diesem Zeitpunkt bereits tot und das Pedal war immer noch durchgetreten. Wir waren noch am Leben. Wir mussten da raus&#8220;, erz\u00e4hlt die 23-j\u00e4hrige Iwanna Hrabowljak. Sie verlor ihren Vater bei der Evakuierung aus Hostomel. Andere Verwandte \u00fcberlebten um ein Haar.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243573\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/photo_2022-03-18_20-36-17-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Vor dem Krieg hatte die junge Frau mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter Julia und ihrer Halbschwester Sascha in einem Privathaus gelebt. Hier versteckte sich die Familie vor Explosionen &#8211; zuerst im Badezimmer und dann in einem kleinen, kalten Keller. &#8222;Dort haben wir alle Decken heruntergeholt, jeder hat drei Pullover angezogen. Meine Schwester hatte eine Bronchitis, sie hustete f\u00fcrchterlich. Am 3. M\u00e4rz haben in unserem Hinterhof die Panzer den Zaun durchbrochen und sind hin und her gefahren. Rundherum hat alles gebrannt.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Familie beschloss zu fliehen. &#8222;Wir nahmen einen Nachbarn mit. Mein Vater ist am Steuer, Julia neben ihm, meine Schwester neben mir und mein Nachbar hinter meinem Vater gesessen.&#8220; Iwanna erinnert sich, wie alle sa\u00dfen, als die Besatzer anfingen, auf Autos zu schie\u00dfen, als sie durch den Nachbarort Butscha fuhren. Gerade diese Sitzordnung im Auto war es, die zwei Schwestern das Leben rettete. Der Vater drehte das Auto um und hielt seine linke Seite in den Beschuss. &#8222;Ich habe die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und bin schnell weggerannt. Meine Schwester ist mir gefolgt. Dann hat sie mich gerufen. Als ich mich umgedreht habe, habe ich gesehen, dass mit ihrem Arm etwas nicht stimmte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich bin zur\u00fcckgelaufen und habe gesehen, wie Julia hinter uns hergelaufen und dann gest\u00fcrzt ist. In diesem Moment dachte ich, dass auch sie get\u00f6tet worden war. Schlie\u00dflich habe ich eine Kellert\u00fcr gesehen, habe angeklopft und wir wurden hereingelassen.&#8220; Sascha und Iwanna kamen als erste, dann kam Julia lebend an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die neunj\u00e4hrige Sascha verlor im Keller das Bewusstsein. Sie wurde an der Innenseite ihres Arms oberhalb des Ellbogens verletzt. <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Blutige Spuren auf dem Asphalt sind hinter uns gezogen. Es wurde an der Kellert\u00fcr geklopft und geschrien: &#8218;Macht auf, ihr Schlampen. Dann sind zwei Sch\u00fcsse gefallen. Aber wir haben uns nicht bewegt und geschwiegen und sie sind weggegangen.&#8220;<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In der Unterkunft gab es Verbindung, also bat Iwanna \u00fcber soziale Netzwerke und per Telefon um Hilfe. &#8222;Wir haben darauf gewartet, dass jemand kommt und uns abholt. Sascha wurde immer schw\u00e4cher, ihr Arm begann schwarz zu werden und schlecht zu riechen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zum Gl\u00fcck gab es in der N\u00e4he Leute, die sich mit Medizin ausgekannt haben. Sie haben den Arm gereinigt. Meine Schwester hat mit aller Kraft durchgehalten, sie hat oft deliriert.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zwei Tage lang kam keine Hilfe, weil die K\u00e4mpfe weitergingen. Saschas Familie begriff, dass sie nur einen Schritt vom Tod entfernt war. Ein Arzt aus dem Keller legte ihr den Verband an und versicherte, dass das M\u00e4dchen in das Krankenhaus von Butscha gebracht und unter einer wei\u00dfen Fahne getragen werden m\u00fcsse. Es gab keine andere L\u00f6sung, niemand konnte sie abholen &#8211; weder die Territorialverteidigungskr\u00e4fte, noch ein Krankenwagen, noch das Rote Kreuz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Der Opa Lenja und der Junge Artem aus dem Keller haben uns geholfen. Die Stra\u00dfe schien endlos zu sein. Explosionen und Sch\u00fcsse waren unaufh\u00f6rlich. Es war wie ein Gl\u00fccksspiel &#8211; entweder \u00fcberlebst du oder nicht. An einer Kreuzung begannen sie, direkt in unseren R\u00fccken zu schie\u00dfen. Es war unwahrscheinlich, dass sie daneben geschossen haben &#8211; ich denke, das war ihr &#8222;Spiel&#8220;.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Im Krankenhaus hat man uns gesagt, dass der Arm amputiert werden m\u00fcsse. &#8222;Man hat uns gesagt, nach Hause zu gehen. Aber uns wurde klar, dass wir es nicht mehr hatten.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Iwanna fand Zuflucht vor dem Krankenhaus. Ihrer Schwester wurde der Arm amputiert , die \u00c4rzte beruhigten sie die ganze Nacht und dann durfte ihre Mutter bei ihr bleiben. &#8222;Ich wusste, dass sie in Sicherheit sein w\u00fcrden, denn die Besatzungstruppen brachten ihre Verwundeten in dieses Krankenhaus. Dementsprechend haben sie es nicht beschossen&#8220;, erkl\u00e4rte Iwanna.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen, die Iwanna beherbergten, boten ihr an, mit ihnen die Stadt zu verlassen, als der Vorsitzende des Dorfrates ank\u00fcndigte, dass es eine Evakuierung geben w\u00fcrde. Iwanna z\u00f6gerte, da sie Julia und Sascha nicht verlassen wollte, aber schlie\u00dflich fuhr sie weg. &#8222;Ich habe die ganze Zeit gebetet. Es wurde geschossen, es gab Explosionen, Panzerkolonnen, Kontrollpunkte, eine unglaubliche Anzahl von Soldaten. Sie haben die Autos \u00fcberpr\u00fcft und in die Kofferr\u00e4ume geschaut. Als wir auf der Autobahn Richtung Schytomyr angekommen sind, dachten wir schon, wir w\u00e4ren gerettet, aber dann haben die Bombenangriffe angefangen. Zweimal ist etwas in unser Auto geflogen, es gab Dellen. Dann wurde die Verbindung hergestellt und wir haben ukrainische Kontrollpunkte gesehen. Es war ein so unrealistisches Gef\u00fchl!&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Auf dem Weg nach Lwiw erhielt Iwanna eine Nachricht, dass Julia und Sascha evakuiert worden waren. Dank der Hilfe von wohlwollenden Menschen und Stiftungen befinden sie sich nun in Italien. Sascha unterzog sich einer weiteren Operation und bereitet sich nun auf die Rehabilitation vor und wird danach eine Prothese bekommen.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243559\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/photo_2022-03-18_20-36-19-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Emotionen und Gef\u00fchle holen die junge Frau erst nach zehn Tagen in Sicherheit ein. Iwanna wei\u00df, dass sich die Besatzer in den H\u00f6fen von Hostomel niederlie\u00dfen. &#8222;Ich habe ein Haus und ein Auto, die dort zur\u00fcckgelassen wurden, ich wei\u00df nicht, ob sie intakt sind. Ich kann immer noch nicht glauben, dass mein Vater nicht mehr bei uns ist. Leider konnten wir nicht einmal seine Leiche finden. Er ist ein Held und ich liebe ihn so sehr! Er war unsere St\u00fctze.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Geschrieben am 18. M\u00e4rz 2022.\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: Kateryna Smirnova<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illustrated by Tanya Guschina &#8222;Wir sind durch die Stra\u00dfen gefahren, die sich in eine M\u00fcllhalde aus verbranntem Material verwandelt hatten. Als wir in die andere Richtung abgebogen sind, haben wir einen Panzer der Besatzer gesehen. Sie haben auf unser Auto geschossen und mein Vater hat heldenhaft sein Bestes getan, um uns zu retten. 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