{"id":245081,"date":"2022-03-22T21:22:09","date_gmt":"2022-03-22T21:22:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245081"},"modified":"2022-04-16T20:41:18","modified_gmt":"2022-04-16T20:41:18","slug":"um-das-essen-zuzubereiten-haben-wir-schnee-geschmolzen-und-wir-haben-rohre-im-keller-geschnitten-um-wasser-abzulassen-so-olha-30-jahre-alt-mariupol-berdjansk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/um-das-essen-zuzubereiten-haben-wir-schnee-geschmolzen-und-wir-haben-rohre-im-keller-geschnitten-um-wasser-abzulassen-so-olha-30-jahre-alt-mariupol-berdjansk\/","title":{"rendered":"\u201eUm das Essen zuzubereiten, haben wir Schnee geschmolzen. Und wir haben Rohre im Keller geschnitten, um Wasser abzulassen\u201c, so Olha, 30 Jahre alt, Mariupol \u2013 Berdjansk"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by\u00a0Tanya Guschina<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eJeden Tag wurden wir bombardiert, ohne Feuereinstellung. Wir haben alle zusammen gewohnt \u2013 ohne Strom, Heizung, Gas\u2026 Am dritten Tag ohne Strom (d. h. am 2. M\u00e4rz) wurden alle L\u00e4den ausgeraubt. Um Essen zuzubereiten, haben wir Schnee geschmolzen. Wir haben Rohre im Keller geschnitten, haben Wasser abgelassen und dieses auch verwendet. Die M\u00e4nner haben den Schnee vom Dach heruntergeholt \u2013 mit diesem Wasser haben wir in den Toiletten abgesp\u00fclt. Drau\u00dfen haben wir Feuer gemacht und Brei gekocht, wenn jemand noch Gr\u00fctze hatte. Wir haben Kuchen gemacht, solange wir Hefe hatten. Wir haben uns und den Kopf im Laufe von ein paar Wochen nicht gewaschen\u201c, erz\u00e4hlt 30-j\u00e4hrige Olha aus Mariupol.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wie auch f\u00fcr die anderen Einwohner von Mariupol begann der Krieg f\u00fcr sie am 24. Februar mit einer Bombardierung. In ein paar Stunden erhielt sie die Nachricht, dass der Kindergarten, den ihre dreij\u00e4hrige Tochter Polinka besuchte, zu ist. Und sp\u00e4ter ging die H\u00f6lle los. Mit Olha sprechen wir am 22. M\u00e4rz in Berdjansk (die Stadt ist seit mehr als drei Wochen von den Russen besetzt \u2013 A.d.R.). Der Name der Protagonistin ist aus Sicherheitsgr\u00fcnden ge\u00e4ndert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zwei Wochen sa\u00df Olha mit ihrem Ehemann im Flur ihrer Wohnung in Mariupol, sie schliefen in Jacken, denn auf der Stra\u00dfe war es -10 Grad und in der Wohnung -7 Grad, und sie kochten zusammen mit den Nachbarn auf offenem Feuer im Hof. Es gab fast kein Essen mehr. Am furchtbarsten war es f\u00fcr die M\u00fctter mit den Babys auf Pre-Nahrung, weil sie kein Essen f\u00fcr ihre Kinder hatten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als sie am 9. M\u00e4rz schlafen gehen wollten, flogen Granaten an dem unteren Hausteil vorbei, neben den L\u00e4den und der Bank. Danach begann der Beschuss, die W\u00e4nde vibrierten. F\u00fcr Olha war es der furchtbarste Zeitpunkt des Krieges.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ihre Wohnung wurde in kleine St\u00fccke zerschlagen. Die Familie \u00fcberlebte. 24 Stunden wohnten sie in einem Keller, in K\u00e4lte und Feuchtigkeit, und danach machten sie sich auf den Weg zu den Eltern. Sie gingen zu Fu\u00df, mit einem <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Kleinkind <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">auf den Armen, indem sie von Ecke zu Ecke mitten in den Besch\u00fcssen mit Mehrfachraketenwerfersystemen \u201eGrad\u201c liefen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Eltern von Olha wohnten seit einer Woche im Keller. Olha mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter blieben einige Zeit bei ihnen und zogen danach zu ihren Freunden um, deren Wohnung noch unbesch\u00e4digt war. Die Eltern lehnten den Vorschlag jedoch ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eMein Mann ist mit dem Fahrrad eine ganze Stunde lang durch all die Bombardierungen gefahren, um zumindest zu sehen, ob sie noch am Leben sind\u201d, sagt Olha. \u201cIhre Wohnung gab es auch nicht mehr.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Auf den Stra\u00dfen lagen Leichen von Leuten, auch Gliedma\u00dfen. Olhas Ehemann pr\u00fcfte, wie es seinem Freund geht, dessen Hausteil eine Bombe traf. Es stellte sich heraus, dass der Freund bereits weg war und drei M\u00e4nner tot dalagen. Oleksij half den Nachbarn, die Gr\u00e4ber im Pflanzengarten auszugraben und die Gefallenen zu begraben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Danach ging das Ehepaar mit der Tochter zu Fu\u00df in ein Dorf in der N\u00e4he von Mariupol zu ihren Verwandten. Die n\u00e4chste erzwungene Wohnung war die Wohnung von Freunden in Berdjansk, wo die Familie am 19. M\u00e4rz ankam.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Olhas Familie konnte nichts \u00fcber die Evakuierungsbusse erfahren, da es kein Netz gab. \u201eWir haben wei\u00dfe Streifen auf die Autos geh\u00e4ngt, auf ein Blatt Papier haben wir \u201eKinder\u201c geschrieben und dann sind wir auf eigenes Risiko und Gefahr losgefahren\u201c, erinnert sich die Frau. \u201eWir sind in einer Autokolonne gefahren, der Weg von Mariupol nach Berdjansk hat 6 Stunden in Anspruch genommen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In Berdjansk kommen jeden Tag junge Leute zu der n\u00e4chstgelegenen Schule, wo sich einer der Punkte der Aufnahme von Umsiedlern befindet. Dort kann man Kleidung nehmen, die die Einheimischen gesammelt haben, und sich f\u00fcr das warme Mittagessen anmelden. Insgesamt nahm Berdjansk im Laufe der ersten Tage der Evakuierung (seit dem 17. M\u00e4rz) nur nach offiziellen Angaben mehr als 6000 Mariupol-Einwohner auf. Sie wohnen in Wohnungen, in Sanatorien, im Haupthotel und in Kirchen.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eDer Krieg hat uns obdachlos gemacht. Es ist so, als ob du alles und dann, von einer Sekunde auf die andere, nichts mehr h\u00e4ttest. Wenn das Kind jede halbe Stunde um Essen bittet und du denkst: \u201eGeben oder nicht geben\u201c, denn es gibt nicht genug Brot und morgen kann es keines mehr geben,\u201c gr\u00fcbelt Olha. \u201eEin dreij\u00e4hriges Kind versteht nicht, warum es im dunklen Keller sitzen muss und nicht auf die Stra\u00dfe hinausgehen kann. Das ist wie die H\u00f6lle, aus der man nicht herausfinden kann.\u201c<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ihr Ehemann Oleksij f\u00fcgt hinzu: \u201eIch war Leiter einer Abteilung im Werk, und wir hatten alles: eine Wohnung im Stadtzentrum, die wir renoviert haben, guten Lohn und haben gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr die kommende Zukunft geschmiedet. Und jetzt haben wir keinen Plan. Wir sind nach Berdjansk gekommen, und weiter k\u00f6nnen wir uns nirgendwohin bewegen, wir haben nichts. Obwohl doch \u2013 wir haben das Leben, und das ist am wichtigsten\u201d.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Geschrieben am 22. M\u00e4rz 2022.<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Mari Vachko<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illustrated by\u00a0Tanya Guschina \u201eJeden Tag wurden wir bombardiert, ohne Feuereinstellung. Wir haben alle zusammen gewohnt \u2013 ohne Strom, Heizung, Gas\u2026 Am dritten Tag ohne Strom (d. h. am 2. M\u00e4rz) wurden alle L\u00e4den ausgeraubt. Um Essen zuzubereiten, haben wir Schnee geschmolzen. Wir haben Rohre im Keller geschnitten, haben Wasser abgelassen und dieses auch verwendet. Die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":26,"featured_media":243593,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[207,596],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245081"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/26"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=245081"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245081\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":245082,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245081\/revisions\/245082"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/243593"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=245081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=245081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=245081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}