{"id":245090,"date":"2022-03-22T21:33:22","date_gmt":"2022-03-22T21:33:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245090"},"modified":"2022-04-16T20:51:11","modified_gmt":"2022-04-16T20:51:11","slug":"meine-krankheit-das-ist-schon-ein-krieg-iryna-25-jahre-alt-oblast-sumy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/meine-krankheit-das-ist-schon-ein-krieg-iryna-25-jahre-alt-oblast-sumy\/","title":{"rendered":"\u201eMeine Krankheit \u2014 das ist schon ein Krieg\u201c, Iryna, 25 Jahre alt, Oblast Sumy"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00a0Illustrated by Yelyzaveta Berestova<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch h\u00f6re Sch\u00fcsse. Packe schnell meine Sachen. Bis zum Keller, wo wir uns verstecken, ist es nicht weit. Aber diese paar Schritte zum Unterschlupf verursachen schon Blasen an meinen Fu\u00dfsohlen. Wenn ich darauf trete, rei\u00dft die Haut. Und das tut unheimlich weh\u201c, sagt Iryna.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Solche Menschen, wie Ira, werden \u201eSchmetterlingskinder\u201c genannt. Ihre Haut kann selbst durch eine unvorsichtige Ber\u00fchrung besch\u00e4digt werden. Davon entstehen Blasen am K\u00f6rper. Sie platzen und an ihrer Stelle \u00f6ffnen sich Wunden, oberfl\u00e4chliche oder tiefe. \u201eEpidermolysis bullos \u2014 das ist schon ein Krieg\u201c, sagt die junge Frau. Ihr Kampf gegen die unheilbare seltene Erkrankung dauert bereits seit 25 Jahren, das hei\u00dft, ihr ganzes Leben. Nun hat sie den Krieg mitten im Krieg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Seit dem ersten Tag des massiven Angriffs Russlands auf die Ukraine f\u00e4hrt russische Milit\u00e4rtechnik pausenlos durch das Dorf in der Oblast Sumy, wo Iryna mit ihrer Familie zu Hause ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch schaue aus dem Fenster und sehe Buks, Grads, SAUs, Panzer, Panzerwagen. Der Boden zittert unter den F\u00fc\u00dfen, wenn sie vorbeifahren. Es kommt einem vor, als ob man nicht gerade stehen k\u00f6nnte. Die ersten Tage habe ich so viel geweint, dass ich eine Augenentz\u00fcndung bekommen habe. Drei Tage konnte ich die Augen nicht aufmachen. Ich musste st\u00e4ndig Schmerzmittel nehmen. Nun ist mir das letzte Fl\u00e4schchen mit den Schmerztropfen \u00fcbrig geblieben. Weinen darf ich also nicht mehr\u201c, sagt Iryna.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zuerst fuhr die russische Technik einfach durch das Dorf durch. Dann ging der Beschuss los. Nun steht im Dorf ein russischer Kontrollpunkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eJetzt habe ich sogar vor Stille und vor jedem Ger\u00e4usch Angst. Russisches Milit\u00e4r schlendert hier herum. Einem Einwohner wurde das Fenster durchgeschossen, einem anderen die Scheune gesprengt. Es wurde auf einen Transformator und auf Gasleitungen gefeuert. Gott sei Dank sind sie nicht in unser Haus gekommen. Meine Mama h\u00e4tte einen Herzschlag gekriegt\u201d, erz\u00e4hlt Iryna. \u201cIm Nachbardorf wollte ein Einheimischer den Panzer mit blo\u00dfen H\u00e4nden stoppen, wurde aber erschossen. Hier weg zu kommen, ist sehr kompliziert.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Iryna ist auf besonderes Verbandsmaterial, spezielle Salben und Heilnahrung angewiesen. Wunden am R\u00fccken, an Armen und Beinen sollen t\u00e4glich bearbeitet werden. Es war schon in der friedlichen Zeit schwierig, die n\u00f6tigen Medikamente zu beschaffen. Und jetzt ist es fast unm\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eWir versuchen, mit der Salbe sparsam umzugehen. Aber dann klebt die Mullbinde an Wunden. Alles tut weh, juckt und heilt langsamer. Unser Fonds der Seltenen Erkrankungen hat humanit\u00e4re Hilfe an mich geleitet. Aber die n\u00e4chste Post ist 50 Kilometer vom Dorf entfernt. Wer holt das P\u00e4ckchen f\u00fcr mich ab?\u201c<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wegen besch\u00e4digter Elektrizit\u00e4tsleitungen f\u00e4llt h\u00e4ufig Strom aus, die Spannung schwankt; es ist kalt im Haus. Das Anlegen eines Verbandes dauert etwa zwei Stunden. Fr\u00fcher machten sie f\u00fcr diese Zeit die Heizung an. Aber jetzt kann man nicht einmal die Quarzlampe einschalten, die man f\u00fcr den Verbandwechsel braucht \u2014 es ist gef\u00e4hrlich, alles kann dadurch abbrennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch will hier sehr wegkommen. Aber eine Bus- oder Zugfahrt ist f\u00fcr mich unm\u00f6glich. Dort ist eine Unzahl von Menschen. In so einem Gedr\u00e4nge zu fahren, das gleicht f\u00fcr mich dem Tode. Ich w\u00fcrde ohne Haut bleiben. Und wir besitzen kein eigenes Auto. Mich nach Konotop zu bringen, dem Ort, von dem aus es Evakuierungen gibt, \u2014 selbst das ist schon ein Problem und ein gro\u00dfes Risiko. Deshalb sitzen wir hier und warten auf den Sieg. Nat\u00fcrlich habe ich Angst, aber ich halte durch\u201c, sagt Iryna.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Am Vorabend der Invasion begann sie ein Bild auszumalen. Malen ist ihr Hobby. Auf dem Bild sind Berge und der Himmel dargestellt \u2014 rein und blau.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eDas ist so symbolisch. Es ist Fr\u00fchling, und man will ihn genie\u00dfen, V\u00f6gel zwitschern h\u00f6ren. Stattdessen h\u00f6rt man Grads\u201d, sagt Iryna. \u201cEnde Februar, anl\u00e4sslich des Tages der Seltenen Erkrankungen sollte eine Versteigerung meiner Bilder stattfinden. Ich glaubte Geld f\u00fcr eine Fahrt nach Truskawez, einem Kurort im Vorkarpatengebiet, zu sammeln. Dort geht es mir viel besser. Keine Schmerzen, weder innen, noch au\u00dfen. Und nun sind diese Pl\u00e4ne durchkreuzt. Ich denke: Diese Bilder sind ja trotzdem da. Wenn es nur ruhiger wird, verkaufe ich sie und spende das Geld f\u00fcr die Streitkr\u00e4fte. Sie besch\u00fctzen uns doch.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Priska Olha Sydor<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Illustrated by Yelyzaveta Berestova \u201eIch h\u00f6re Sch\u00fcsse. Packe schnell meine Sachen. Bis zum Keller, wo wir uns verstecken, ist es nicht weit. Aber diese paar Schritte zum Unterschlupf verursachen schon Blasen an meinen Fu\u00dfsohlen. Wenn ich darauf trete, rei\u00dft die Haut. Und das tut unheimlich weh\u201c, sagt Iryna. Solche Menschen, wie Ira, werden \u201eSchmetterlingskinder\u201c genannt. 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