{"id":245104,"date":"2022-03-22T22:09:23","date_gmt":"2022-03-22T22:09:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245104"},"modified":"2022-04-16T21:06:47","modified_gmt":"2022-04-16T21:06:47","slug":"wir-schauten-hin-leute-bereiteten-das-essen-zu-und-gleich-daneben-gab-es-graeber-von-einem-erwachsenen-und-einem-kind-oleksandr-surowtsow-36-jahre-alt-mariupol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wir-schauten-hin-leute-bereiteten-das-essen-zu-und-gleich-daneben-gab-es-graeber-von-einem-erwachsenen-und-einem-kind-oleksandr-surowtsow-36-jahre-alt-mariupol\/","title":{"rendered":"\u201eWir schauten hin: Leute bereiteten das Essen zu, und gleich daneben gab es Gr\u00e4ber \u2013 von einem Erwachsenen und einem Kind\u201f, Oleksandr Surowtsow, 36 Jahre alt, Mariupol"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by Liubov Miau<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Am Morgen des 24. Februar brachte meine Ehefrau unseren Sohn zur Schule, ich schlief noch. Sie kehrte gegen 20<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> Uhr zur\u00fcck. Die Klassenlehrerin rief si<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">e sofort an und sagte: \u201eDer Krieg hat begonnen.\u201f Und unsere Reaktion war irgendwie\u2026 Na ja, es grummelt halt ein bisschen. Bei uns vom linken Ufer war das immer zu h\u00f6ren, obwohl es in den letzten Jahren leiser wurde. Meine Ehefrau rief sofort Senja [unseren Sohn, 14 Jahre alt] an, um ihm zu sagen, dass er an der Bushaltestelle auf sie warten solle. Dann rannte sie ihn zu holen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich arbeitete in einem Aquarium-Studio, wo ich Fische, Pflanzen und Futter verkaufte. An diesem Morgen schrieb ich an meinen Leiter. Ich fragte, ob ich zur Arbeit gehen soll. Er antwortete: \u201eNein! Der Krieg ist ausgebrochen!.\u201f Das hei\u00dft, mir war nicht klar, was geschah. Aber am selben Tag wurden die Explosionen st\u00e4rker. Der Krieg ist in die ganze Ukraine gekommen. Ich hatte 10 Jahre lang nicht mehr geraucht, aber an dem Tag fing ich wieder damit an.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Am 2. M\u00e4rz verloren wir bereits Strom, Heizung und Verbindung. Am 6. M\u00e4rz kam ein alter Freund zu mir, mit dem wir seit 5 Jahren nicht gesprochen hatten. Wir sa\u00dfen zu Dritt mit meiner Ehefrau in der K\u00fcche, tranken, sie w\u00e4rmte das Wasser. Es gab noch Wasservorr\u00e4te aus dem Wasserhahn. Allm\u00e4hlich ging das Gas aus.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243724\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/image-2022-03-24-14_06_52-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wir schliefen auf dem Boden in der Wohnung unter 3-4 Decken, holten Wasser aus dem Brunnen und kochten \u00fcber dem Feuer.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als es noch m\u00f6glich war, kauften wir ein paar Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten. Mein Freund brachte etwas Schmalz und Wurst mit. Ehrlich gesagt pl\u00fcnderten unsere Nachbarn einen Laden und gaben uns ein paar Lebensmittel ab. In der orthodoxen Kirche bekamen wir zwei Dosen Erbsen und zwei Dosen Mais. Sie kochten noch Suppe \u2014 die Portionen waren klein, aber man konnte etwas essen. Wir a\u00dfen nicht, meldeten uns aber f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfe an. Die russischen Arschgeigen lie\u00dfen sie jedoch nicht durch. Aus Brot machten wir Croutons. Wir kochten Suppe \u00fcber dem Feuer und gaben ein wenig Croutons dazu \u2013 und so war das Mittagessen fertig. Es gab Mehl, also machte meine Ehefrau einfache Pfannkuchen aus Mehl, Salz und Wasser.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich hatte vorher nicht viel mit meinen Nachbarn kommuniziert. Unter ihnen gab es viele, die prorussisch gesinnt waren. Aber dieser Krieg hat das ver\u00e4ndert. Es stellte sich heraus, dass sie mehr oder weniger normale Menschen waren. Wissen Sie, der Krieg macht die Menschen menschenfreundlicher, sie fangen an, sich gegenseitig zu helfen, sie kommen sich n\u00e4her. Trotzdem sind Menschen unterschiedlich, manche profitieren auch vom Krieg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die meiste Zeit blieben wir zu Hause, weil unser Luftschutzbunker sehr nass war. Wir gingen nur dann hinunter, wenn sie direkt mit \u201cGrads\u201d (Mehrfachraketenwerfersysteme) feuerten. Den ersten ernsthaften Beschuss sp\u00fcrte ich, als wir die Mutter meines Freundes besuchten. Das Flugzeug warf eine Bombe in der N\u00e4he des Piers ab, neben der Aussichtsplattform, es war 300 Meter von uns entfernt. Damals hatten wir zum ersten Mal gro\u00dfe Angst. Dann gingen wir noch in die Innenstadt, um die Mutter meiner Ehefrau zu besuchen. Es gab intensive K\u00e4mpfe in allen H\u00f6fen \u2014 das war wie die Miniversion von Grosny, wie ich es nannte. Autos und H\u00e4user brannten. Wir bahnten uns unseren Weg, indem wir unter Beschuss durch die H\u00f6fe liefen. Wir schauten hin, Leute bereiteten Essen zu, und gleich daneben gab es Gr\u00e4ber \u2014 von einem Erwachsenen und einem Kind.\u00a0<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">Ein anderes Mal, als wir zu den Eltern meiner Ehefrau gingen, sahen wir eine riesige Blutlache und darin ein Gehirn, wissen Sie \u2026 ja \u2026 schwimmend. Es liegen viele Leichen in der Stadt herum \u2014 an Haltestellen, B\u00e4nken. Sie werden in Decken eingewickelt und weggebracht. Neben meinem Haus lag 5 Tage lang eine in eine Decke geh\u00fcllte Frau, daneben wurde das Kreuz von zwei Zweigen niedergeschlagen. Dann beschlossen offenbar ihre Verwandten, sie zu begraben, gruben ein Loch in der Kastanienallee und begruben sie zwischen den B\u00e4umen.\u00a0<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Eines Tages bereiteten wir im Hof \u200b\u200bdas Essen zu. Wir wohnen gegen\u00fcber dem Schiffsreparaturwerk. Ein Geschoss schlug ins Werk ein, es kam eine starke Explosionswelle, und wir rannten zum Hauseingang. Wir hatten ein bisschen Angst, aber dachten uns: \u201eOkay, getroffen, dann halt getroffen.\u201f Wir gingen wieder hinaus, um das Essen weiter zu kochen. Nachdem wir nach Hause gekommen waren, h\u00f6rten wir so ein lautes \u201ePaff!\u201c. Das Geschoss schlug in die 9-st\u00f6ckigen Geb\u00e4ude hinter unserem Haus ein, sie brannten nieder und das Dach des n\u00e4chsten Hauses wurde abgerissen. Danach entschieden wir uns, dass wir gehen sollten.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich hatte kein Auto. Ich ging zu den Nachbarn, aber einige von ihnen nahmen Papiere, Matratzen oder anderes Zeug mit, und es gab keinen Platz f\u00fcr uns. Die Sachen waren ihnen wichtiger als Menschenleben. EIne Nachbarin mit ihrem Kind suchte ebenfalls nach einem Auto und konnte keines finden.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-243710\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/oleksandr-surovczov-2-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Schlie\u00dflich gelang es mir, einen Mann zu finden, der bereit war, uns mitzunehmen. Wir fuhren von Mariupol durch Melekine. Seitens Saporischschja befand sich ein russischer Kontrollpunkt. In Manhush hingen die Flaggen der \u201eDNR\u201f und die russische Flagge, in Ostapenko war ein russischer Kontrollpunkt, und das schrecklichste war in Berdjansk. Dort standen haupts\u00e4chlich Burjaten. Sie baten mich, Tattoos zu zeigen, \u00fcberpr\u00fcften, ob ich Asow-Mitglied bin. Ich zeigte das Tattoo und sie schickten mich zur Registrierung. Es sah dort wie in Schindlers Liste aus: drei Plastiktische, drei russische Soldaten, ein Notizbuch und ein Stift. Sie notierten meine Telefonnummer, Namen, Geburtsjahr und Wohnort. Sie \u00fcberpr\u00fcften, ob ich die letzten 8 Jahre gek\u00e4mpft hatte, na ja, verstehen Sie \u2014 das war der ganze Propagandaschei\u00df. Ich f\u00fcllte alles aus und fuhr nach Berdjansk. Dort wurden wir im \u00f6rtlichen Kulturhaus untergebracht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wir verbrachten dort 4 Tage. Wir suchten lange nach M\u00f6glichkeiten, nach Saporischschja zu fl\u00fcchten. Und es gelang. Dann wieder Kontrollpunkte. Bei dem einen wurden die Messenger-Apps und Fotos durchgeschaut, bei dem anderen pr\u00fcften sie wieder die Tattoos. In Saporischschja hatten wir endlich die M\u00f6glichkeit etwas zu essen und zu trinken. Wir wurden in einen Kindergarten gebracht, wo wir schlafen konnten. Dort wuschen wir uns zum ersten Mal seit dem 24. Februar.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Unser Sohn nimmt das alles leichter als wir. Meiner Ehefrau geht es am schlimmsten, weil ihre Eltern dort geblieben sind. Sie wollten nicht weggehen. Sie sagen: \u201eHier haben wir alles, was uns geh\u00f6rt, wir wollen nichts verlassen, alles wird gut.\u201f Meine Eltern sind auch dort geblieben. Die Mutter rief mich heute an. Sie sagte, es sei in ihrer N\u00e4he noch ruhig.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich versp\u00fcre Sehnsucht nach meiner Stadt, obwohl sie zerst\u00f6rt wurde, obwohl man sich dort nicht einmal waschen konnte.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Erstellungsdatum \u2013 24. M\u00e4rz 2022.\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Viktoria Kantemyr<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illustrated by Liubov Miau Am Morgen des 24. Februar brachte meine Ehefrau unseren Sohn zur Schule, ich schlief noch. Sie kehrte gegen 20 Uhr zur\u00fcck. Die Klassenlehrerin rief sie sofort an und sagte: \u201eDer Krieg hat begonnen.\u201f Und unsere Reaktion war irgendwie\u2026 Na ja, es grummelt halt ein bisschen. 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