{"id":245212,"date":"2022-03-16T11:50:25","date_gmt":"2022-03-16T11:50:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245212"},"modified":"2022-04-17T14:15:59","modified_gmt":"2022-04-17T14:15:59","slug":"an-der-kirche-schlug-ein-geschoss-neben-meine-frau-und-kinder-ein-und-deckte-alle-zusammen-auf-einmal-zu-serhij-perebyjnis-43-jahre-alt-irpin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/an-der-kirche-schlug-ein-geschoss-neben-meine-frau-und-kinder-ein-und-deckte-alle-zusammen-auf-einmal-zu-serhij-perebyjnis-43-jahre-alt-irpin\/","title":{"rendered":"\u201eAn der Kirche schlug ein Geschoss neben meine Frau und Kinder ein und deckte alle zusammen auf einmal zu\u201c, Serhij Perebyjnis, 43 Jahre alt, Irpin"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eMeine Angeh\u00f6rigen gingen in Richtung [des Bezirkes] Romaniwka \u00fcber die gesprengte Br\u00fccke in Irpin. Vorne ging meine Ehefrau mit Kindern und Hunden, hinten ihr Vater, mein Schwiegervater, er schob seine Frau, Tetianas Mutter, im Rollstuhl. Das erste Geschoss fiel in die Flussniederung, rechts von ihnen. Tetiana und die Kinder rannten nach vorne und versteckten sich unter der Br\u00fccke. In dieser Zeit flog das zweite Geschoss unter die Br\u00fccke. Von seinen Splittern wurde dort irgendeine Familie verletzt. Vielleicht deswegen wollten meine Frau und Kinder schnell weg von dort und rannten nach vorne. In Romaniwka musste man noch 600 Meter zum Bus gehen. Ungef\u00e4hr in der Mitte dieser Strecke, in der N\u00e4he der Kirche, schlug das dritte Geschoss neben sie ein, das sie alle zusammen auf einmal zudeckte\u201c, erinnert sich Serhij Perebyjnis, der 43-j\u00e4hrige Softwareingenieur aus Irpin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nach dem 6. M\u00e4rz versuchte Serhijs Familie, vor russischem Beschuss zu fliehen. Damals wollten die Invasoren Irpin einnehmen. Serhij war zu diesem Zeitpunkt in Donezk, das seit 2014 von den durch Russland unterst\u00fctzten Separatisten besetzt ist. Dort musste er seine an Covid erkrankte Mutter pflegen. Nach Donezk kam Perebyjnis eine Woche vor Kriegsbeginn. Einige Tage sp\u00e4ter erkl\u00e4rten die Besatzungsbeh\u00f6rden die Mobilmachung. Serhij ist in Donezk angemeldet, somit bestand f\u00fcr ihn die Gefahr, in die Separatistenarmee einberufen zu werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Am 24. Februar, dem ersten Tag des gro\u00dfangelegten Krieges Russlands gegen die Ukraine, schrieb ihm seine Frau, dass an ihrem Haus etwas vorbeigeflogen war. Serhij meinte, dass sie sofort den Notkoffer packen sollte. Er versuchte Donezk zu verlassen, aber es war nicht m\u00f6glich. In dieser Zeit beschoss das russische Milit\u00e4r Irpin von der Seite der bereits besetzten Stadt Butscha. Am Anfang versteckten sich Serhijs Angeh\u00f6rige im Flur. Als die russischen Invasoren am 3. M\u00e4rz das Haus aus Minenwerfern beschossen, ging die Familie in den Keller und verbrachte dort zwei N\u00e4chte. Am 5. M\u00e4rz kehrten sie kurz in die Wohnung zur\u00fcck und besprachen mit Serhij telefonisch den Fluchtplan.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eWir dachten an zwei Varianten \u2014 entweder mit dem Auto nach Stojanka [ins Dorf] zu fahren, oder das Auto stehen zu lassen und \u00fcber die Br\u00fccke zu Fu\u00df zu gehen. Nat\u00fcrlich entschuldigte ich mich bei meiner Frau, dass ich gerade nicht bei der Familie sein konnte. Sie blieb aber optimistisch und sagte: Bleib ruhig, wir werden&#8217;s \u00fcberleben. Wir haben das schon 2014 gesehen. Wir schaffen das. Aber wir haben es nicht geschafft\u201c, erz\u00e4hlt Serhij das letzte Gespr\u00e4ch mit Tetiana nach.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Familie ging wieder in den Keller, dort gab es kein Netz. Am n\u00e4chsten Morgen sah Serhij an der Geolokation auf Tetianas Handy, dass sie sich auf der Schytomyr-Autostra\u00dfe zwischen Kyjiw und Stojanka befand. Und 20 Minuten sp\u00e4ter zeigte die Geolokation, dass die Frau in einem Krankenhaus in Kyjiw war.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch rief meine Freunde an, die dort in der N\u00e4he wohnen, und bat sie, sofort ins Krankenhaus zu fahren, um herauszubekommen, was passiert war. Nach einiger Zeit sah ich auf Twitter die Nachricht dar\u00fcber, dass Romaniwka von mehreren Geschossen getroffen wurde und eine Familie dabei umkam: ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Und dann wurde dort ein Foto gepostet, auf dem ich sie alle erkannte\u201d, sagt Serhij. \u201cIch rief meine Freunde in Kyjiw an und sagte: Jungs, meine Kinder liegen dort auf der Stra\u00dfe, sie sind tot. Das ist kein Fake, das ist wahr. Ich erkenne sie, sucht bitte im Krankenhaus nach meiner Frau. Und dann wurde das erste Video ver\u00f6ffentlicht, aus dem alles klar wurde.\u201c<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Auf dem Video war Serhijs Familie. Alle waren tot.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Um die Familie zu bestatten, war der Mann drei Tage unterwegs nach Irpin. Zuerst ging er \u00fcber die Grenze nach Russland, dann \u00fcber Polen nach Lwiw und von dort nach Irpin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Serhijs Frau hatte eine Minensplitterverletzung an der Brust und am Hals. Das meiste hat der Sohn abgekriegt, weil er dem Explosionszentrum am n\u00e4chsten stand und die kleine Schwester praktisch mit seinem K\u00f6rper deckte. Die Minensplitter trafen seine linke K\u00f6rperh\u00e4lfte, vom Kopf bis zum Fu\u00df. Die Tochter bekam einen Splitter in die linke Schl\u00e4fe, woran sie auch sofort verstarb.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Tetiana war Finanzdirektorin in einer \u0406\u0422-Firma. Ihr Unternehmen brachte seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach Polen, aber die Frau weigerte sich, denn sie wollte ihre kranken Eltern nicht alleine lassen. Der 18-j\u00e4hrige Sohn Mykyta studierte an der Taras-Schewtschenko-Universit\u00e4t in Kyjiw und sollte Programmierer werden. Die 9-j\u00e4hrige Tochter Alisa war Sch\u00fclerin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Serhij reicht einen Antrag bei der Staatsanwaltschaft und bei internationalen Gerichten ein, damit seine Familientrag\u00f6die nicht unbemerkt bleibt. Er will die Geschichte m\u00f6glichst publik machen, weil das, was Russland mit seiner Familie getan hat, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Serhij ist sich der Tatsache bewusst: \u201cDas, was meins war, bekomme ich nie zur\u00fcck, aber ich will beim Gericht Wahrheit und Gerechtigkeit gewinnen sehen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><b><i>Aufgenommen am 16. M\u00e4rz 2022<\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Priska Olha Sydor<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMeine Angeh\u00f6rigen gingen in Richtung [des Bezirkes] Romaniwka \u00fcber die gesprengte Br\u00fccke in Irpin. Vorne ging meine Ehefrau mit Kindern und Hunden, hinten ihr Vater, mein Schwiegervater, er schob seine Frau, Tetianas Mutter, im Rollstuhl. Das erste Geschoss fiel in die Flussniederung, rechts von ihnen. 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