{"id":245262,"date":"2022-03-17T19:39:30","date_gmt":"2022-03-17T19:39:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/?p=245262"},"modified":"2022-04-19T20:13:12","modified_gmt":"2022-04-19T20:13:12","slug":"leichen-und-leichenteile-lagen-in-der-stadt-verstreut-in-den-wagen-waren-erschossene-menschen-wir-hatten-einfach-glueck-uljana-ptscholkina-38-oeffentliche-persoenlichkeit-tv-mo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/leichen-und-leichenteile-lagen-in-der-stadt-verstreut-in-den-wagen-waren-erschossene-menschen-wir-hatten-einfach-glueck-uljana-ptscholkina-38-oeffentliche-persoenlichkeit-tv-mo\/","title":{"rendered":"\u201cLeichen und Leichenteile lagen in der Stadt verstreut, in den Wagen waren erschossene Menschen. Wir hatten einfach Gl\u00fcck\u201d, Uljana Ptscholkina, 38, \u00f6ffentliche Pers\u00f6nlichkeit, TV-Moderatorin, Weltmeisterin in Para-Karate, Butscha"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Illustrated by\u00a0<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/guschinatanya\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tanya Guschina<\/a><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cIch war am Lenkrad. Der russische Soldat befahl mir grob: \u201dAussteigen!\u201d Ich antwortete bissig: \u201dKann nicht!\u201d und zeigte mit der Hand auf den Rollstuhl im Auto\u201d, erinnert sich Uljana Ptscholkina, wie sie mit ihrem Mann und einigen Nachbarn das umk\u00e4mpfte\u00a0 Butscha verlie\u00dfen. \u201cLeichen und Leichenteile lagen in der Stadt verstreut, in den Wagen waren erschossene Menschen. Sie alle waren Zivilisten, die blo\u00df versuchten, rauszukommen und an einen sicheren Ort zu gelangen. Viele Leichen wurden von Bewohnern eingesammelt und in einem Gemeinschaftsgrab neben der Kirche begraben, aber viele blieben noch auf den Stra\u00dfen von Butscha liegen. Wir hatten einfach Gl\u00fcck, denn wir fuhren in einer langen Kolonne und darum blieben wir am Leben. Einfach Gl\u00fcck gehabt.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die 38-j\u00e4hrige Uljana Ptscholkina ist eine \u00f6ffentliche Pers\u00f6nlichkeit, TV-Moderatorin, Weltmeisterin in Para-Karate, Leiterin und Mitglied des Vorstandes des Vereines \u201dGruppe der aktiven Rehabilitation\u201d, welche die Leute unterst\u00fctzt, die ein Wirbels\u00e4ulentrauma haben und daher im Rollstuhl sitzen. Vor 17 Jahren erlitt sie eine schwere spinale Verletzung und seither ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Auch ihr Mann Witalij hat eine Behinderung.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cAls man vom Krieg in seinem vollen Ausma\u00df zu sprechen begann, schrieb ich an alle beteiligten Personen und Beh\u00f6rden und stellte eine Frage: Was werden die behinderten Menschen tun? Aber niemand wusste eine Antwort darauf. Ich erinnere mich sehr gut an den Kriegsbeginn 2014 in Donbass: Menschen mit beeintr\u00e4chtigtem Geh\u00f6r starben, weil sie den Alarm nicht h\u00f6rten, weil die Sirene allein nicht reichte, sondern auch von Lichtsignalen h\u00e4tte begleitet werden sollen. Sie starben einfach in ihren Wohnungen liegend. Ich erinnere mich auch daran, wie die Leute in Rollst\u00fchlen nicht wussten, wo sie sich verstecken sollten, und wie die geistig beeintr\u00e4chtigten Personen nicht in die Schutzkeller gelassen worden waren. Nach acht Jahren Krieg haben wir noch immer keinen ausgereiften Plan zur Evakuierung\u00a0 behinderter Personen, darum waren alle verwirrt\u2026\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Uljana und Witalij sind im Jahre 2015 in eine eigene Wohnung in Butscha umgezogen. Sie wohnten im Stadtzentrum, in einer Wohnung im Erdgeschoss, die sie maximal barrierefrei und bequem eingerichtet hatten. Am 24. Februar wurde das Ehepaar durch\u00a0 Explosionen geweckt &#8211; die Russen bombardierten den nur einige Kilometer entfernten Flughafen Hostomel. Seit dieser Zeit folgten dort Bombardierungen, Beschuss und Schusswechsel\u00a0 ununterbrochen aufeinander.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cIch war gerade auf dem Balkon, als die ersten russischen Hubschrauber vorbeiflogen. Die Angreifer flogen \u00fcber meinem Kopf\u201d, erinnert sich Uljana an den ersten Tag der umfassenden russischen Invasion in der Ukraine.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zusammen mit ihrem Mann entschied sie sich, zu Hause zu bleiben. Sie versteckten sich im Badezimmer, weil die Treppe\u00a0 zum Keller sehr eng und kaputt war, mit den Rollst\u00fchlen konnte man es nicht nach unten in den Keller schaffen.\u201dIn der ersten Nacht schliefen wir im Badezimmer sitzend &#8211; f\u00fcr eine behinderte Person ist das einfach die H\u00f6lle. Danach beschlossen wir, im Bett zu schlafen: Wenn uns etwas treffen soll, dann soll es so sein. Wir\u00a0 schliefen vollst\u00e4ndig angekleidet. Wir wachten fr\u00fch auf, deshalb schlief ich noch am Nachmittag im Badezimmer, mein Kopfkissen auf das Waschbecken gelegt\u201d, so Uljana. \u201cUnser Haus liegt direkt neben der Schnellstra\u00dfe nach Warschau. Am 21. Februar wurde es von einem russischen Panzer getroffen: Die Nachbarwohnung im vierten Stock wurde beschossen, sie wurde vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt und brannte aus. Unser Balkon ist nicht verglast, daher konnten wir die Schie\u00dferei gut h\u00f6ren. Wir sahen auch die in die W\u00e4nde einschlagenden Kugeln. Vom Balkon h\u00f6rten wir das St\u00f6hnen eines Verletzten\u201d.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Schon in den ersten Kriegstagen wurden im Haus Gas und Heizung abgestellt, und gleich danach gab es keinen Strom mehr. Uljana erz\u00e4hlt, dass sie und ihr Mann nur dank der Hilfe und F\u00fcrsorge\u00a0 ihrer Nachbarn am Leben geblieben sind. \u201dWir hielten alle zusammen und das rettete uns. Wir beide konnten weder Wasser holen, noch Lebensmittel im zerst\u00f6rten Laden besorgen, noch tanken. Wir w\u00e4ren einfach verhungert\u201d, erz\u00e4hlt sie weiter.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-245228\" src=\"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/275613796_5592944277388650_3825353127017409863_n-e1650397996597.jpg\" alt=\"\" width=\"1536\" height=\"2048\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Anfang M\u00e4rz schafften es Uljana und Witalij, die Stadt zu verlassen. \u201cDie Evakuierung wurde angek\u00fcndigt, jedoch lie\u00dfen die Russen die Evakuierungsbusse nicht in die Stadt. Auf einmal schrie jemand aus unserer Kolonne: \u201dJetzt fahren wir los!\u201d Wie schafften wir es vorbeizufahren? Hunderte Autos fuhren los &#8211; ganz unerwartet f\u00fcr die russischen Soldaten. Die einen filzten sie, die anderen nicht, denn die Kolonne war riesengro\u00df\u201d, so Uljana.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Das Ehepaar musste sich trennen: Witalij stieg in einen kleinen Bus zusammen mit anderen Nachbarn ein, und Uljana nahm ins Auto eine junge Frau mit einem Hund und einen Nachbarn mit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201c\u00dcberall waren Russen in der Stadt, \u00fcberall h\u00f6rte man Schie\u00dfereien, Maschinengewehr-Salven, Explosionen. Wir bildeten eine Kolonne, um aus unserem Hof loszufahren. Und genau in diesem Moment schoss ein schweres russisches Ger\u00e4t, entweder ein Panzer, oder ein SPW, ich wei\u00df nicht so genau, auf das f\u00fcnfst\u00f6ckige Haus uns gegen\u00fcber. Die Russen fuhren vorbei und zielten auf uns. Ich sa\u00df mit erhobenen H\u00e4nden im Auto. Obwohl ich nicht besonders gl\u00e4ubig bin, begann ich w\u00e4hrend dieses Krieges zu beten. Ich f\u00fcrchtete um die Menschen, die daneben im Auto sa\u00dfen, um meinen Mann. Sie zielten auf uns, doch zum Gl\u00fcck, schossen sie nicht\u201d, erinnert sich Uljana. \u201cAn den zahlreichen Stra\u00dfensperren durchsuchten die Russen unsere Autos: Sie suchten nach Videokameras, sahen im Telefon Videos und Fotos an &#8211; ich habe alles vor unserer Abreise gel\u00f6scht. Wir fuhren aus Butscha raus, als es dunkel wurde, und fuhren weiter nach Fastiw. Wir fuhren durch D\u00f6rfer, Dorfr\u00e4nder und Minenfelder. Mein K\u00f6rper war so verkrampft, dass ich mich erst am dritten Tag unseres Aufenthalts in Lwiw endlich richtig entspannen konnte.\u201d<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201dDie behinderten Menschen sind w\u00e4hrend des Krieges in noch gr\u00f6\u00dferer Gefahr, weil sie oft keine M\u00f6glichkeit haben, in den Schutzkeller zu gehen, sich Nahrung zu besorgen oder sich bei erster M\u00f6glichkeit in Sicherheit zu bringen\u201d, so Uljana. \u201dIch bitte um Entschuldigung, aber es ist auch unm\u00f6glich, unterwegs auf die Toilette zu gehen, zum Beispiel, auf dem Feld oder unter der Br\u00fccke, in der Wohnung ist das auch ein gro\u00dfes Problem, weil es unm\u00f6glich ist, mit dem Rollstuhl auf die Toilette zu fahren.\u201d<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201dEs war sehr schwierig, sich von unserem Zuhause zu verabschieden. Aber man kann das alles sp\u00e4ter wieder aufbauen. Das Wichtigste ist jetzt am Leben und psychisch stabil zu bleiben. Alles andere kann sp\u00e4ter, nach unserem Sieg gemacht werden.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><i><span style=\"font-weight: 400;\">Eintragsdatum: 17. M\u00e4rz 2022<\/span><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-weight: 400;\">\u00dcbersetzung: Oxana Primak<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illustrated by\u00a0Tanya Guschina \u201cIch war am Lenkrad. Der russische Soldat befahl mir grob: \u201dAussteigen!\u201d Ich antwortete bissig: \u201dKann nicht!\u201d und zeigte mit der Hand auf den Rollstuhl im Auto\u201d, erinnert sich Uljana Ptscholkina, wie sie mit ihrem Mann und einigen Nachbarn das umk\u00e4mpfte\u00a0 Butscha verlie\u00dfen. \u201cLeichen und Leichenteile lagen in der Stadt verstreut, in den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":245242,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[544,65],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245262"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=245262"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":245264,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245262\/revisions\/245264"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/245242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=245262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=245262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.warstoriesukraine.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=245262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}